Weg mit dem Handy – zumindest manchmal

Das Handy gehört zur Grundausstattung cooler Jungs: sich verabreden, simsen, Fotos machen, Musik hören, schnell Bescheid sagen.
Alles schön und gut – nur haben die Handybesitzer dafür etwas Kostbares eingetauscht: die Möglichkeit, eine Zeit lang unerreichbar zu sein.

Natürlich hat das Handy jede Menge Vorteile, keine Frage:

  • Wer sich verspätet oder etwas vergessen hat, kann schnell zu Hause anrufen
  • wem es gerade nicht so gut geht, der kann sich Trost zusprechen lassen
  • wer nicht weiter weiß, kann Papi anrufen und hoffen, dass er einen Ausweg kennt
  • wer seine Freunde vermisst, kann ihnen eine Nachricht schicken
  • wer etwas Tolles erlebt, kann den anderen ein kurzes Video davon senden
  • wer sich um seine Jungs sorgt, der kann kurz mal anrufen und sich von ihnen beruhigen lassen (und im allerschlimmsten Fall kann man seine Jungs auch orten).

Diese kleine Liste ließe sich noch ein wenig fortsetzen. Doch wie lange sie auch wird, sie kann nicht vergessen machen, dass das Handy eine ziemlich unangenehme Auswirkung hat: Man ist immer und überall erreichbar. Und das bedeutet umgekehrt: Man kann nie ganz für sich sein und etwas Geheimes machen.
Die großen Jungs, die das hier lesen, werden sich noch daran erinnern, wie das während ihrer Kindheit war: Aus der Schule nach Hause gerast, schnell Hausübungen gemacht und dann nichts wie los. Es gab nur eine unmissverständliche Anweisung und die lautete: „Wenn es dunkel wird, bist du wieder da!“. Natürlich wurden den Jungs viele ermahnende Worte hinterher gerufen, aber kaum aus dem Haus war es mit dem Dazwischenreden vorbei.
Anschließend war man paradiesische Stunden lang einfach weg. Verschwunden. Machte sein Ding mit den Freunden, alleine, an verbotenen und an erlaubten Orten, im Wald, im „Käfig“ auf dem Spielplatz (wo man Fußballspielen konnte), am Fluss. Die einzige Kontrolle bestand darin, dass man das eherne Gesetz im Kopf hatte („Wenn es dunkel wird, bist du wieder da!“) und dass man aufpassen musste, nicht von den Nachbarn beobachtet zu werden. Wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gab, dann musste das bis zum Abend warten (und hatte sich dann vielleicht schon erledigt). Und wer sich um seine Jungs sorgte, musste lernen, das auszuhalten – und wenn es gar nicht ging, dann musste er sie eben suchen gehen. Ja, so war das, und das ist noch gar nicht lange her.

Und heute? Heute verbindet eine unsichtbare, dafür aber umso stärkere Leine die Jungs mit ihren Eltern. Sie spannt sich zwischen den Handys der Familie auf, ist ziemlich zäh und schwer zu kappen. Jeden Moment kann das Handy klingeln und auf dem Display aufleuchten „Papi“ oder „Mami“. Und dann heißt es: „Wo bist du gerade?“ – „Was machst du eben?“ – „Wann kommst du nach Hause?“ – „Mir ist gerade eingefallen: Wie ist es denn heute mit dem Biologie-Test gelaufen?“.

Natürlich ist das angenehm, wenn man merkt, dass es Menschen gibt, die sich um einen sorgen. Aber dauernd? Und bis ins letzte Detail? Natürlich hat jedes Handy einen Ausschaltknopf, um diesen ständigen Nachfragen und Ermahnungen zu entgehen. Doch wer ihn betätigt, muss sich, kaum ist er wieder erreichbar, fragen lassen, warum er es vorher nicht war: „Wie kannst du nur! Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“.
Diese ständige Erreichbarkeit kann die Pest sein. Und sie ist es oft auch. Wenn man dann noch bedenkt, wie eng der Bewegungsraum der Jungs in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist, dann muss man als einer von den großen Jungs ganz laut seufzen – nicht nur wegen der Kleinen, sondern auch wegen sich selber (siehe auch den Abschnitt „Platz da für die Jungs“ auf Seite 201-204).
Diesen wichtigen Aspekt sollten die großen wie die kleinen Jungs bei ihren Debatten um die Anschaffung eines Handys oder die Bezahlung viel zu hoher Rechnungen bedenken. Und vielleicht erscheint das coole neue Teil mit dem mp3-Player und der 3-Megapixel-Kamera plötzlich gar nicht mehr so erstrebenswert?

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