Kurzer Zwischenruf in Sachen Zerstörungslust
Solange wir unsere Jungs dabei beobachten, wie sie verwegene Türme aus Klötzchen, schnelle Rennautos aus Lego oder idyllische Baumhäuser aus Brettern bauen, ist alles in bester Ordnung. Unsere Jungs! Sind sie nicht toll! Und so kreativ!
Sobald sie jedoch damit beginnen, die Legotürme lustvoll zu zertrümmern, ihre Spielzeugautos mit China-Böllern in die Luft zu jagen oder das Baumhaus zu demolieren, hört sich der Spass auf. Warum eigentlich? Es besteht kein Grund dazu. Meistens zumindest.
Kaum lassen es unsere Jungs mal ein bisschen krachen und demolieren etwas, stossen sie an die Grenzen unserer liberalen Gesellschaft – genauso wie jene Jungs, die mit Spielzeugpistolen um sich ballern und sich gelegentlich mit ihren Spielkameraden prügeln. In dem Kapitel „Kleine Meditation über aggressive Jungs“ ist ausführlicher davon die Rede, was es mit dem menschlichen Hang zur Aggression auf sich hat (Seite 88).
An dieser Stelle ein kurzer Zwischenruf zur Erinnerung, weil sich viele Jungs dauernd fragen lassen müssen, was ihnen denn einfalle, wenn sie mal mit größter Freude irgendetwas zerstören. Also: Aggressiv zu sein ist natürlich; daher geht jede Forderung, immer friedlich zu bleiben, über das Wesen der Jungs hinweg. Worum es hingegen wirklich geht ist, wie die Jungs mit ihren Aggressionen umgehen, in welcher Form und wo sie sie ausleben – und wo nicht.
Am schnellsten entwickeln wir eine angemessene Haltung zur gelegentlichen Zerstörungslust der Jungs, wenn wir uns ansehen, welchen Zweck sie haben kann. Sie dient nämlich dazu:
- zu erkennen, wozu man körperlich in der Lage ist. Keine schlechte Erfahrung wenn es das nächste Mal darum geht, einen anderen Menschen oder etwas Zartes vorsichtiger zu behandeln. Wenn man sich also beim Gerangel mit einem kleineren Freund ohne nachzudenken auf ihn draufwirft und damit so weht tut, dass er weinen muß; oder wenn man eine filigrane Glasfigur anfaßt wie einen Holzstock und sie dabei in tausend Scherben geht.
- zu spüren, dass auch an Dingen große Gefühle hängen können und man jemanden kränkt, wenn man seinem Lieblingskuscheltier einen Arm ausreißt oder wenn man dessen sorgfältig gehütete Sammlung von Blumen-Blättern in Flammen aufgehen läßt.
- sich von den Eltern abzulösen. Viele Entwicklungsschritte hin zum Erwachsenen werden von aggressiven Tendenzen ermöglicht und gefördert; mit ihren heftigen Auftritten formen Jungs ihre selbständige Persönlichkeit. Wenn beispielsweise die kleinen Jungs die großen mit Beleidigungen attackieren, um zu zeigen, dass sie schon groß sind – und zugleich provozieren, dass ihnen ihr Gegenüber jene Grenze zeigt, die sie nicht überschreiten sollen.
- einfach Spaß zu machen. Wie jeder aus eigener Erfahrung weiß, kann es ziemlich unterhaltsam sein, erst eine lange Reihe von Dominosteinen aufzubauen oder einen Papierflieger zu falten, um anschließend dabei zuzusehen, wie die Steine umfallen oder der brennende Flieger durch den Garten segelt.
- Platz zu schaffen für neue Dinge. Das beginnt beim Lego (man muss ein Haus kaputt machen, wenn man ein Auto bauen will) und endet bei der Demontage der Kinderzimmereinrichtung, wenn die Jungs zu alt für Bären und Luftballons geworden sind. Nun gut, nicht jeder Entwicklungsschritt sollte dazu führen, dass die Einrichtung kaputt geht, auch die stellvertretende Demontage der Bärenverzierungen am Stockbett erfüllt diesen Zweck.
- die Entdeckerfreude zu befriedigen. Wenn man nämlich (tunlichst alte) Geräte zerlegt, um zu wissen, was drinnen ist, gewinnt man eine Vorstellung technischer Komplexität. Doch befriedigen läßt sich diese Freude bisweilen nur, indem man etwas zerstört (oder sogar tötet – wie beispielsweise die legendären Frösche).
- blinde Aggressionen in geregelte Bahnen zu lenken. Beispielsweise wenn man den Jungs ermöglicht, aus Frustration über große Ärgernisse ein wenig durch den Wald zu toben und dabei zur Sache zu gehen.
Bevor wir uns freilich allzu gemütlich in der Erkenntnis einrichten, die Zerstörungslust der Jungs sei ausschließlich positiv zu bewerten, hier ein großes ABER: Die oben angeführten Beispiele und Begründungen können uns großen Jungs nicht die Arbeit abnehmen, von Fall zu Fall zu entscheiden. Also uns bei jeder Form von Aggressivität zu fragen: Ist das normal? Oder bahnt sich da ein Problem an, dem wir uns umgehend zuwenden müssen?
Kommen ein paar Jungs nach einem nächtlichen Ausflug durch den Park zurück, bei dem sie ein paar Parkbänke umgekippt haben, so kann dieser Quatsch mehrere Gründe haben (und welcher der zutreffende ist, wird sich nur von Fall zu Fall beurteilen lassen): War das
- ein Dummerjungenstreich, der eine einmalige Sache bleiben wird?
- oder machen die Jungs das immer wieder und versuchen damit, Probleme mit ihren Eltern oder der Schule in den Griff zu bekommen?
Was diese Differenzierungsarbeit zusätzlich schwer macht, ist der Umstand, dass es relativ wenige Eltern gibt, die sich der Aggressivität ihrer Jungs entspannt annehmen. In der Mehrheit sind vielmehr zwei andere Gruppen: Jene, die jede Form aggressiver Äußerungen und Taten als Anzeichen einer Katastrophe werten – dazu gehören all jene, die bereits in einer simplen Rangelei zwischen Jungs, wie sie früher einmal das Normalste in der Jungswelt war, einen Fall für den Kinderpsychologen sehen. Auf der anderen Seite stehen all jene Eltern, die sich um das Wohl ihrer Jungs so wenig kümmern, dass diese eben jene Aggressivität als einzigen Weg betrachten, um sich bemerkbar zu machen.
Wir sollten den Mut haben, uns in diesem Fall für die entspannte Mittellage zu entscheiden. Und dazu gehört mitunter laut und vernehmlich festzustellen: „Unsere Jungs? Die zertrümmern schon mal etwas – und wir lassen uns davon keine Sekunde aus der Ruhe bringen!“

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