Einmal der Held des Alltags sein

Für den Vater von heute, zumal jenen, der in der Stadt wohnt, gibt es kaum Gelegenheiten, sich vor den eigenen Jungs als Held des Alltags zu beweisen. Als es noch galt, wild lebende Tiere zumindest von der eigenen Wohnung fernzuhalten, boten sich solche Chancen am laufenden Band. Die Kinder konnten, so sie wollten, den Vater dabei beobachten, wie er eine Runde mit einem Bären oder einem Wolf rang bzw. sie mit brennenden Ästen in die Flucht schlug.

Der moderne Mann muß auf solche Gelegenheiten, zumal aus sozial kompatible, deutlich länger warten. So ist es umso bemerkenswerter, wenn sich mitten unter der Woche eine solche Chance bietet. So erst kürzlich, als ich mit dem Großen, der Geburtstag hatte, seinen neuen ferngesteuerten Flieger ausprobieren wollte.

Da in der Wohnung der Schrank mit den Gläsern im Wege war, verzogen wir uns auf eine nahe Kleinwiese vor einer Wohnanlage aus den 70ern. Wir hatten die Wiese kaum betreten, da landete der Sohn den neuen Flieger punktgenau auf einem Balkon im 1. Stock. Große Verzweiflung. Traurige Augen.

Wir mussten also viele Klingelknöpfe drücken, bis uns schliesslich eine ältere Dame öffnete. Sie wohnte, das der erste kleine Erfolg, direkt neben der Wohnung mit dem Lande-Balkon. Nach einigem Hin und Her liess uns die Dame rein und wir fanden den Flieger tatsächlich auf dem Nachbarbalkon, der durch eine 40 cm dicke Mauer von jenem getrennt war, auf dem wir standen.

Und nun die niederschmetternde Nachricht: Die Nachbarn waren eben in die Herbstferien gefahren. Der neue Flieger würde also noch 1 Woche da drüben liegen, so nah und doch so fern. Ratlos trampelten wir auf dem kleinen Balkon im Kreis, bis die alte Dame damit begann, ihre Blumenkisten von der Brüstung zu heben. “Sie klettern da jetzt rüber und holen den Flieger!” befahl sie. Der Sohn sprach mahnende, zur Umkehr drängende Worte, ich überlegte. “Die Nachbarn haben das auch schon mal gemacht, als sie den Schlüssel vergessen haben!”

So schwang ich mich schliesslich auf die Brüstung und kletterte auf den Nachbarbalkon, nicht ohne dabei in die Tiefe zu sehen, die nun plötzlich deutlich tiefer aussah als von unten, von der Kleinwiese aus. Egal! Ich war nicht nur eben dabei, den Flieger zu holen, sondern eine Aufgabe zu bestehen, die mir mein Großer geschenkt hatte. Und Geschenke darf man nicht ablehnen, schon gar nicht solche, die man selten bekommt.

Auf dem fremden Balkon war mir kurz so, also wäre doch jemand zu Hause, doch es waren die Schatten der Befürchtungen, die da durch die Wohnung huschten.

Auf dem wirklich sehr großen Platz dann gelang es uns dann dennoch, den neuen Flieger in einen Baum zu fliegen und erst nach einigem Gerüttel zur Landung zu zwingen, aber die Szene war nicht annähernd mit jenem Moment zu vergleichen, da ich mal der Alltagsheld sein konnte - freilich mit dem wehe Gefühl, dass es mehr solche Chancen geben sollte.

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